Montag, 29. Dezember 2014

Stadt, Land, Autobahn: 60.000 Kilometer mit der Gilera Fuoco 500

Die Fuoco zieht Blicke auf sich
Nach einer Probetour mit der Piaggio MP3 500 war mir klar, ein Dreiradroller ist das Richtige für mich. Die MP3 war mir optisch zu brav, die Gilera Fuoco 500 sollte es sein, und ich fand ein interessantes Angebot: Das gute Stück Baujahr Ende 2007 mit gerade 3100 Kilometern auf dem Tacho stand wohlbehalten in einer Halle in Ostholstein. Der Besitzer hatte keine Zeit für sein Hobby und bot den Roller für 4500 Euro im Internet an.

Für diese Fuoco war ein Motorradführerschein notwendig, dies schränkte den Kreis der Interessenten stark ein und schaffte Verhandlungsspielraum. Ich machte mich von Berlin per Bahn an die Ostsee auf und erstand das gut gepflegte Stück für knapp unter 4000 Euro. Eine gute Wahl, wie sich nach sechs Jahren und mehr als 60.000 Kilometern herausstellte, hier meine Erfahrungen:


Kleiner Tank
Die erste wichtige Erfahrung machte ich auf der Autobahn zurück nach Berlin. Obwohl vollgetankt, war der Tank im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern nahezu leer. Die zügige Fahrt auf der Autobahn forderte ihren Tribut. Ein Verbrauch von mehr als fünf Litern bei zwölf Liter Tankvolumen aktivierten die gelbe Warnleuchte auf einem Autobahnabschnitt ohne Tankstelle. Mit knapper Not und Windschattenfahrt mit 80 hinter einem LKW erreichte ich eine Tankmöglichkeit in einem nahegelegenen Dorf. Auf Touren über Landstraßen pendelt sich der Verbrauch durchaus unter vier Liter ein, in der Stadt liegt er bei über vier Litern. Reichweiten von 250 Kilometern sind möglich, trotzdem ist der kleinen Tank gewöhnungsbedürftig. Mein Fazit: Auf Touren lieber öfters tanken, als mit einer Zitterpartie nach einer Tankmöglichkeit suchen.

Reifen und Fahrverhalten
Mit grossem Gepäck nach Tschechien und Österreich


















Die Fuoco erlaubt mit ihren 40 PS Geschwindigkeiten von etwa 145 Stundenkilometern. Der Tacho zeigt bei günstigen Bedingungen knapp 160 Kilometer pro Stunde an. Die Höchstgeschwindigkeit ist jedoch keine angenehme Reisegeschwindigkeit. Der Wind zerrt ab Tempo 130 trotz hoher Scheibe heftig am Helm und die gesamte Fuhre wird unruhig.

Zwei Dinge haben Abhilfe gebracht: ein Aufsatzspoiler für die Windschutzscheibe und andere Reifen. Hatte ich vorher vorne Michelin City Grip und hinten Heidenau K66 drauf, bin ich jetzt komplett auf den Michelin umgestiegen. Der recht laute und grobstollige Heidenau war sehr gut bei Nässe - aber leider laut und kippte ab einer gewissen Schräglage recht plötzlich in die Kurve. Der Michelin ist haltbarer, laufruhiger und hat ein angenehmeres Kurvenverhalten. Auch bei Nässe patzt der Michelin nicht. Bis Tacho 140 ist jetzt ein streßfreies Autobahnfahren möglich.

Auf guten Landstraßen gefällt die Fuoco mit einem angenehmen ruhigen Fahrverhalten, auch wenn sie etwas nachdrücklicher um Kurven bewegt werden will als ein Zweirad. Wird die Strecke aber schlecht, reagiert sie recht rustikal. Fahrbahnunebenheiten schlagen dann hinten und vorne hart durch, Kurvenfahren wird ungemütlich.

In der Stadt ist die Fuoco unschlagbar. Sie ist mehr als ausreichend motorisiert, nicht breiter als ein normaler Roller und einfach mit dem Roll-Lock abzustellen, den vorhandenen Hauptständer gebrauche ich so gut wie nie, obwohl sie einfach aufzubocken ist.

Schräglage
Mit einem Vorurteil möchte ich aufräumen: "Eine gewisse Schräglage ist möglich" höre ich oft von selbsternannten Experten, die das Dreirad sehen und direkt bewerten. Ja sicher, auch beim Zweirad ist nur eine "gewisse Schräglage" möglich, dann setzen die Fußrasten, der Ständer oder der Auspuff auf. Genauso ist es bei der Fuoco. Schräglagen bis etwa 40 Grad sind möglich, das schaffen bei weitem  nicht alle Zweiradfahrer. Danach kratzt der Hauptständer oder der Auspuff auf der Fahrbahn. Im Prinzip fährt sich die Fuoco wie ein normales Zweirad, auch wenn sie nicht so leicht in die Kurven kippt.

Sicherheit
Obwohl sie kein ABS hat verzögert die Fuoco sehr gut. Trotz blockierende Räder vorne und hinten bei Notbremsungen bleibt die Fuoco auf gerader Strecke stabil, mit einem Zweirad hätte dies unweigerlich zum Sturz geführt. Kopfsteinpflaster oder Strassenbahnschienen bringen die Vorderräder nicht aus der Spur. Gelegentlich neigt das Hinterrad bei nasser oder rutschiger Fahrbahn zum Ausbrechen, die Maschine bleibt jedoch beherrschbar. Im Vergleich zum Zweirad überzeugt hier die Dreiradkonzeption.

Stauraum ausreichend
Das Gepäckfach unter der Sitzbank ist ausreichend groß, ein Integralhelm und allerlei Krimskrams passen rein. Mit meinem 40 Liter grossen Topase ist die Fuoco sowohl für Einkaufsfahrten als auch für längere Touren gut gerüstet. Wenn es nicht reicht, nehme ich noch eine Gepäckrolle für den Soziussitz mit, durch die umlaufende Reling ist sie einfach zu befestigen und dient auf längeren Touren als komfortable Rückenlehne.

Sitzposition
Die Sitzposition ist bis 1,83  Meter Größe ausreichend, die Bank ist ordentlich gemacht, nach einiger Zeit kommt der Wunsch nach mehr Komfort, vor allem auf Touren. Der Sattler wird das richten, hier gibt es genügend Möglichkeiten zur ergonomischen Anpassung. Meine maximale Tagesstrecke lag einmal bei 700 Kilometern, das Fazit: es geht aber es muss nicht sein. Nachteilig bei der Fuoco sind die Fußrasten für den Sozius, sie liegen zu weit vorne und die Füsse des Beifahrers stören gelegentlich den Fahrer.

Blendwerk: Instrumente bei Sonneneinstrahlung
Der breite Lenker liegt super in der Hand, hier ist alles perfekt. Lediglich die Instrumente sind schlecht ablesbar, aufgrund der roten Markierungen. Dies ist beim Tacho ein Problem, muss man doch vor allem bei Sonnenschein schon sehr genau hinsehen, um die Geschwindigkeit abzulesen.

Kosten
Zunächst die gute Nachricht: Die Inspektionen mit Ölwechsel und Riemenwechsel sind nur alle 10.000 Kilometer fällig. Die 5000er Inspektionen beziehen sich lediglich auf Ölstand, Reifendruck und Bremsen - diese kleine Durchsicht kann jeder selbst machen. Allerdings kostet die 10000er Inspektion etwa 420 Euro.

Der Spritverbrauch bewegt sich zwischen 3,5 auf der Landstraße und fünf Litern Super (E10) bei zügiger Autobahnfahrt.

Der Hinterreifen wird je nach Fahrweise und Reifenmarke bei 8000 bis 9000 Kilometer fällig. Der Preis ist etwa 120 Euro mit Montage und Auswuchten. Etwa zum gleichen Preis sind die beiden Vorderräder zu haben, diese halten deutlich länger, hier habe ich nach 15000 Kilometern Laufleistung gewechselt.

Insgesamt ist die Fuoco keine Sparbüchse. Da die Qualität ist ordentlich, bis 30.000 km gab es bei meinem Roller über die notwendigen Inspektionen hinaus keine Reparaturen. Nur einmal versagte der Bremslichtschalter seinen Dienst, was dazu führte, dass die Maschine nicht ansprang. Dies war eine Kleinigkeit und für 60 Euro schnell behoben.

Nach 35.000 problemlosen Kilometern ist jetzt bei kalten Temperaturen die Zylinderkopfdichtung defekt. Ursache war ein angerosteter Zylinderstopfen, durch den das Kühlwasser entwichen ist. Motor ist aber ok, die Reparaturkosten betrugen 750 Euro - vor allem Arbeitskosten.

Nach einer Alpentour, lief die Fuoco bei niedrigen Geschwindigkeiten nicht ohne weitere Lenkimpulse geradeaus, ständig musste etwas korrigiert werden. Auch das Fahrverhalten in Kurven war nicht sauber. Diagnose meiner Werkstatt: Nach 41.000 km ist das linke Radlager defekt und ein leichter Rastpunkt zeigt auch ein defektes Lenkkopflager an.  Mit knapp 900 Euro sind jetzt alle defekten Teile erneuert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: So ruhig und präzise ist die Fuoco noch nie gefahren. Zwar war es ein stolzer Preis, aber jetzt macht es wieder Spaß zu fahren.

An meinem Roller habe ich nicht gebastelt, also keine Pulleys oder ähnliches eingebaut. Ich habe mit Zweirad Kübler den Vorteil einer exzellenten Werkstatt hier in Bonn. Alle 10.000 km erfolgt die Inspektion und ich kann mich auf die Werkstattqualität verlassen.

Was noch bleibt ist der Anschaffungspreis von etwas über 8000 Euro, wenn man die Maschine neu kauft. Damit  ist die Fuoco deutlich günstiger als die vergleichbare Piaggio MP3. Auf dem Markt für gebrauchte Fuocos sind durchaus Schnäppchen möglich. Das gilt besonders für Fahrzeugen, die nur mit dem Motorradführerschein bewegt werden dürfen.

Fazit
Unschlagbar in der Stadt, genussvoll auf guten Landstraßen und erträglich auf Autobahnen ist die Gilera Fuoco der ideale Kompromiss zwischen hoher Alltagstauglichkeit, Tagestouren am Wochenende und gelegentlichen größeren Touren. Das Dreiradkonzept überzeugt auf ganzer Linie, aber es ist noch Luft nach oben für Verbesserungen. Nachdem ich kürzlich das Dreiradmotorrad Yamaha Niken probegefahren habe, weiss ich was bei Fahrwerken mit drei Rädern möglich ist. Das Fahrverhalten der Niken ist dem der Fuoco oder auch MP3 meilenweit voraus.

Rainer Eikel




Kommentare:

  1. besten dank rainer,
    dein erfahrungsbericht hat mich dazu bewegt
    einen gilera fuoco 500 zu kaufen.
    ich bin seit einen halben jahr am grübeln, ob ich mir einen
    gilera fuoco 500 zulegen.

    lg
    Smofte

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  2. Dann viel Spaß mit der neuen Fuoco, Smofte!

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  3. Hallo ich bin auch Fuoco Fahrer, dein Bericht entspricht meiner Auffassung. Auch wenn ich jetzt erst 15.000 km hinter mir habe, kann ich deine Erfahrungen im Allgemeinen bestätigen. Größter Pluspunkt ist definitiv das Durchkommen im Stadtgeschehen, größtes Manko (persönlich gesehen) der Tank. Bei mir sind es alle 200km.

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